In "Örtlich betäubt" entführt Günter Grass den Leser in das geteilte Bewusstsein des Studienrats Eberhard Starusch, während dieser im Zahnarztstuhl liegt und unter lokaler Betäubung über sein Leben und die Welt reflektiert. Das zentrale Dilemma entspringt einem Konflikt mit seinem Schüler Philipp Scherbaum, der aus Protest gegen den Vietnamkrieg plant, seinen Hund zu verbrennen. Starusch, ein Intellektueller, der selbst mit den Idealen der 68er-Bewegung sympathisiert, ringt mit der Radikalität von Scherbaums Vorhaben und der Verantwortung des etablierten Erwachsenen.
Der Roman ist ein tiefgründiger Dialog zwischen Starusch und seinem Zahnarzt, der zur ungewöhnlichen Bezugsperson und Diskussionspartner wird. Durch dieses intime Setting erforscht Grass die komplexen Fragen nach politischem Engagement, intellektueller Feigheit, der Rolle von Gewalt im Protest und der Kluft zwischen den Generationen. Staruschs innere Monologe und seine Versuche, Scherbaum von seinem extremen Plan abzubringen, sind gespickt mit Reflexionen über die deutsche Nachkriegsgesellschaft, die eigene Vergangenheit und die Ambivalenz des Fortschritts. Grass' scharfe Beobachtungsgabe und sein satirischer Blick machen den Roman zu einer prägnanten und provokanten Auseinandersetzung mit den moralischen und politischen Herausforderungen seiner Zeit, die bis heute Relevanz besitzt. Es ist eine Studie über die Ohnmacht des Wortes gegenüber der Tat und die ewige Spannung zwischen Idealismus und Pragmatismus.
Critical Reception
"Der Roman gilt als prägnante literarische Auseinandersetzung mit der Studentenbewegung von 1968 und den intellektuellen Dilemmata seiner Zeit."
Adaptations
Der Roman wurde 1970 als Fernsehfilm für das ZDF unter dem Titel "Örtlich betäubt" adaptiert.