Reither, ein ehemaliger Kleinverleger, der sich in ein idyllisches Alpentals zurückgezogen hat, entdeckt in einer Bibliothek ein rätselhaftes, titelloses Buch. Kurz darauf klingelt es abends bei ihm, und sein Leben nimmt eine unerwartete Wendung. Es ist Leonie Palm, eine ehemalige Hutladenbesitzerin, die wie Reither ihr Geschäft aufgegeben hat – er, weil die Lesenden rar wurden, sie, weil es an „Hutgesichtern“ mangelte. Beide eint eine tiefe Desillusionierung und das Gefühl, nicht mehr für die große Liebe bereit zu sein.
Ihre Begegnung markiert den Beginn eines dreitägigen „Widerfahrnisses“, das sie in einem Auto bis nach Sizilien führt. Diese Reise entwickelt sich zu einer Parabel über die Möglichkeit einer späten Liebe und einen doppelten Sturz: in die Liebe, obwohl sie nicht mehr ausreichend lieben können, und in das Mitmenschliche, ohne ausreichend gut zu sein. Als das Glück am Mittelmeer über sie hereinbricht, gesellt sich ein schweigendes Mädchen zu ihnen, dessen bloße Anwesenheit eine neue Ebene der Menschlichkeit eröffnet. Kirchhoffs meisterhafte Novelle erforscht die menschliche Sehnsucht nach Verbindung und den Mut, sich trotz innerer Widerstände dem Leben zu stellen. „Aber wo wären wir ohne etwas Selbstüberschätzung“, fragt Reither, als er sich auf den ersten Kuss vorbereitet, „jeder wäre nur in seinem Gehäuse, ein Flüchtling vor dem Leben.“
Critical Reception
"Als Gewinner des Deutschen Buchpreises 2016 und von Kritikern wie Andreas Platthaus der FAZ als „meisterhaft komponierte Novelle“ und „poetologisches Kunststück“ gefeiert, etablierte sich „Widerfahrnis“ als ein herausragendes Werk der zeitgenössischen deutschen Literatur."